Queer Affirming Somatic Experiencing
Trauma ist nicht nur ein einzelnes schlimmes Ereignis. Viele queere Menschen tragen Belastungen, die sich über Jahre angesammelt haben oder sogar aus früheren Generationen stammen. Oft spürt man sie eher im Körper als in Worten: als Anspannung, Erschöpfung, ständige Wachsamkeit oder das Gefühl, nie ganz anzukommen.
In meiner Arbeit nenne ich das manchmal Queer Somatic Experiencing: Ich arbeite mit Somatic Experiencing (SE) nach Peter Levine und bringe Wissen um queere Lebensrealitäten und Minority Stress mit. Eine eigene Methode ist das nicht.
Somatic Experiencing versteht Trauma als etwas, das im Nervensystem stecken bleibt: eine Schutzreaktion wie Kampf, Flucht oder Erstarrung, die nicht zu Ende kommen konnte. Deshalb unterscheidet SE weniger nach Diagnosen als nach der Art, wie eine Belastung entstanden ist. Das hilft, die eigene Geschichte einzuordnen. Mehr dazu in meinem Artikel Fight, Flight, Freeze.
Bei queeren Menschen wirken oft mehrere dieser Ebenen zusammen.
Systemisches Trauma Die Folgen von Strukturen, die queere Menschen abwerten oder unsichtbar machen: in Schule, Familie, Religion, Gesundheitswesen oder Recht. Kein einzelnes Ereignis, sondern ein Dauerzustand, auf den sich das Nervensystem einstellt, etwa mit ständiger Wachsamkeit. Dafür gibt es auch den Begriff Minority Stress. Mehr im Artikel Trauma durch Diskriminierung.
Transgenerationales Trauma Belastungen, die über Generationen weitergegeben werden, oft ohne Worte. In Deutschland gehören dazu die Verfolgung in der NS-Zeit, der § 175, der in der Bundesrepublik erst 1994 ganz abgeschafft wurde, die Verfolgung in der DDR, die AIDS-Krise und Eltern, die ihre eigene Scham oder Angst unbewusst weitergegeben haben.
Entwicklungs- und Bindungstrauma Wenn Sicherheit, Zuwendung oder Annahme in der Kindheit gefehlt haben, etwa weil du gespürt hast, dass ein Teil von dir nicht willkommen war. Dafür wurde NARM eigens entwickelt; mehr im Artikel Bindungstrauma, Komplextrauma und Entwicklungstrauma.
Schocktrauma Einzelne überwältigende Ereignisse wie Übergriffe, queerfeindliche Gewalt oder Unfälle. Hier passiert etwas zu schnell und zu viel, und das Nervensystem kommt nicht mehr hinterher.
Sehr frühe überwältigende Erfahrungen Somatic Experiencing beschreibt außerdem, dass sehr frühe Belastungen, etwa rund um eine schwere Geburt, den ganzen Körper in eine Grundaktivierung versetzen können („Global High Intensity Activation“): schwer zur Ruhe kommen, pendeln zwischen Überdrehtheit und Zusammenbruch.
In SE musst du nicht alles erzählen, was dir passiert ist. Wir arbeiten mit dem, was dein Körper jetzt zeigt: Anspannung, Enge, Unruhe, aber auch Momente von Ruhe und Halt.
Für queere Menschen heißt das auch: Minority Stress wird als echte Belastung des Nervensystems ernst genommen, nicht als Überempfindlichkeit. Und du musst deine Identität, deinen Körper oder deine Lebensweise nicht erklären.
Mehr zur Methode auf der Seite Somatic Experiencing Berlin.
Ich bin zertifizierter Somatic Experiencing Practitioner, selbst schwul und queer, und habe im Fachverband Somatic Experiencing die AG Queer gegründet. Ich arbeite in meiner Praxis im Bergmannkiez und montags online.
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